Boston Marathon 2017

Der älteste Marathonlauf der Neuzeit wurde in Boston dieses Jahr zum 121. Mal ausgetragen. Angefangen hatte alles 1897.

Boston Marathon 2017 BSV Buxteude

Damals starteten 18 Läufer, von denen 10 das Ziel erreichten, der Sieger immerhin schon mit einer Zeit von 2:55 Std. Jahrzehntelang war es ein reiner Männerlauf, heute beträgt der Anteil der Läuferinnen sagenhafte 45% am gesamten Starterfeld von 26.411.

Es ist zwar sehr begrenzt möglich, mit einer Pauschalreise ohne Zeitnachweis am Lauf teilzunehmen, aber normalerweise muss man sich über eine festgelegte Qualifikationszeit vorher für eine Teilnahme bewerben. Diese Qualifikation hatte ich 2016 beim Zürich-Marathon geschafft und im September 2016 wurde dann von der BAA auch die Teilnahme für diesen Lauf bestätigt. Obwohl ich das Lauftraining wegen einer schweren Grippe im März für 3 Wochen unterbrechen musste, sind meine Frau und ich im April nach Boston geflogen, um im Rahmen eines 14-tägigen Urlaubs in den Neu-England-Staaten dieses Ereignis nicht zu versäumen:

Der Montag nach Ostern ist „ Patriot's Day“, ein staatlicher Feiertag in Massachusetts, und gleichzeitig Marathontag. Die Stadt mit ihren über 600.000 Einwohnern ist rappelvoll. Ab Karfreitag baut sich dann auch eine einmalige Stimmung auf und spätestens am Samstag ist der Marathon Thema Nr. 1 in der Stadt. Lokalfernsehen, ein 5K Lauf mit Start im Boston Common Park, eine Gedenkfeier anlässlich des Attentats, das bereits vor 4 Jahren die Stadt erschütterte, und immer mehr Läufer mit „Anhang“ in den Hotels, in der Stadt, am Hafen und vor allem im Zielbereich der Boylston Street bestimmen das Geschehen unter dem allgegenwärtigen Motto BOSTON STRONG (sehr frei übersetzt: jetzt erst recht). Allein die Ausgabe der Startunterlagen dauert ca. 3 Stunden. Starker Andrang und strenge Sicherheitskontrollen. Aber bei einer für uns unfassbaren angelsächsischen Disziplin in Form einer gefühlten 1,5 km langen Menschenschlange vor dem Haycock Expo Center läuft alles ohne Hektik und in lockerer Atmosphäre ab.

Der Lauf:

Es ist ein „Punkt zu Punkt“ Lauf. Die Läufer/innen werden frühmorgens mit den spartanisch ausgerüsteten orangefarbenen Schulbussen vom Park in der Bostoner Innenstadt zwischen 6:00 und 9:45 Uhr zum weitläufigen Sammelpunkt nach Hopkinton transportiert. Während der ca. 45-minütigen Fahrtzeit ist in den Bussen richtig was los. Läuferlatein aus allen Ecken der USA und der Welt. Der Start erfolgt in 4 Wellen, beginnend um 10.00 Uhr. Die letzte Welle startet dann um 11.15. Die Startaufstellungen erfolgen in sogenannten Corrals, die auf den Startnummern erkennbar sind und von den Ordnern streng kontrolliert werden. Zahlreiche ehrenamtliche Helfer begleiten die gesamte Laufveranstaltung: Bei der Startnummernausgabe, während des Transfers, beim Start, während des Laufes und im Zielbereich: immer gutgelaunt und bis in die Haarspitzen motiviert.

Die Sonne scheint, es ist warm und wird noch wärmer. Über 20 Grad. Völlig ungewohnt nach den vorausgegangenen kalten und trüben Wochen. Ich starte im 1. Corral mit der letzten Welle. Es geht die ersten 6 Kilometer leicht bergab, aber immer durch kleine, fiese Anstiege unterbrochen. Spätestens nach 10 km merke ich, dass ich die geplante Endzeit nicht erreichen werde. Es ist einfach zu warm und die Strecke doch sehr anspruchsvoll, da immer wieder leichte Steigungen den Laufrhythmus verändern. Also schalte ich einen Gang zurück, zücke dafür mein Handy und nehme ein paar Eindrücke von der Strecke mit auf.

Anfangs laufe ich gemeinsam mit dem Tross von Kathrine Switzer, die 1967 mit der Startnummer 261 weltweit für einen Eklat gesorgt hatte, als sie unerkannt im reinen Männerfeld startete und damit die Emanzipation im Marathonlauf einleitete. Erst ab 1972 wurden Frauen offiziell zugelassen. Heute ist es Kathrine's gefeierter Jubiläumslauf, den sie mit ihren 70 Jahren in 4:44 beenden wird.

Nach Hopkinton geht es durch die Ortschaften von Ashland, Framingham und Natrick. Da ist richtig was los, eine tolle Stimmung, die ihren Höhepunkt auf halber Strecke beim Wellesley College erreicht. Wir laufen durch einen Tunnel von begeisterten Studenten/innen, die mit phantastischen Plakaten ihre Favoriten anfeuern und auch sonst jede Menge witzige und ironische Botschaften rüberbringen. Die Zuschauer sind überall –im wahrsten Sinne des Wortes- aus dem Häuschen. Alle 2,5 km gibt es mehr als ausreichend Wasser und Tee , nach Hälfte der Strecke auch Duschen auf der Straße zur Abkühlung. Zwischen Kilometer 32 und 34 dann ein elendig langer Anstieg, dem „Heartbreak Hill“, der die letzten Kräfte kostet. Anschließend geht es leicht abwärts in die Vororte von Boston. Das Zuschauerspektakel wird immer gewaltiger. Jetzt stehen die Menschen dicht gedrängt an der Strecke und sorgen für einen Höllenlärm. Man wird von der Begeisterung getragen. Eine letzte Kurve und dann ist der Blick frei auf das Ziel in der Boylston Street. Dann ist es geschafft. Bei einer Nettozeit von 4:35 Std. rette ich das Shirt des BSV- Lauftreffs „Ick bün all door“ über die Ziellinie. Die Zeit ist zweitrangig. Das Erlebnis zählt. Und das ist unvergesslich.

Peter Pünjer